Medien und Einwanderung
Türkische Mediennutzung in Deutschland
Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung hat Prof. Dr. Kai Hafez im Jahr 2001 beauftragt, eine qualitative Studie zum Mediennutzungsverhalten türkischer Einwanderer in Deutschland anzufertigen. Die These steht im Raum, dass der Konsum türkischsprachiger Medien die Entstehung einer Parallelgesellschaft fördern könne, während eine Hinwendung zu deutschen Medien die Integration unterstütze. Für diese These sprechen eine Reihe von Erscheinungen, insbesondere die rapide Zunahme des Konsums von türkischen Fernsehprogrammen via Satellit seit den 90er Jahren. Erfahrungen aus anderen Ländern - etwa Untersuchungen des Medienverhaltens von Iranern in Los Angeles oder Indern in London - zeigen jedoch auch, dass die Nutzung muttersprachlicher Medien ein vieldeutiger Prozess ist. Je nach der politischen Orientierung des Einzelnen, der peer group oder des Meinungsführermilieus, in dem er/sie sich bewegt, kann es zu einer nationalistischen Aufladung im Sinne der "Ethnisierung" und zur zunehmenden Konfrontation mit der "Gastgebergesellschaft" kommen. Oder aber es findet eine "strategische Ethnisierung" im Sinne einer sozio-psychologischen Erleichterung der staatsbürgerlichen Integration statt. Kulturelle Ethnisierung durch Medien kann unter bestimmten Bedingungen die staatsbürgerliche Integration insbesondere der ersten Einwanderergenerationen durch die Erhöhung der Akzeptanz gegenüber dem neuen kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld fördern.
Im Rahmen der qualitativen Untersuchung ist durch Interviews mit türkischen Familien und Einzelpersonen in Deutschland eine Klärung politisch-gesellschaftlicher Zusammenhänge der Mediennutzung erfolgt. Zu den Ergebnissen der Studie gehört eine differenzierte Typologie von Mediennutzern, wobei je nach der Art des Zusammenhangs von türkisch- oder deutschensprachiger Mediennutzung mit der politischen, sozialen und kulturellen Integration etwa verschiedene Formen an der Türkei orientierten "Exil-Nutzer" von anderen "Diaspora-Nutzern" unterschieden werden. Auch die Gruppe der den deutschsprachigen Medien zugewandten Einwanderer wird differenziert. Die Studie geht auf der Basis der gewonnenen Nutzerperspektiven kritisch mit verbreiteten Annahmen des Zusammenhangs von Medien und Integration ins Gericht. Es zeigt sich, dass das Vertrauen vieler Einwanderer im "Kulturexil" an das deutsche "System" oft sehr ausgeprägt ist - größer als bei vielen jungen Türken, die nur deutsche Medien nutzen. Es gibt keinen konstanten Zusammenhang zwischen Medienkonsum und politischer und sozialer Integration. Medien sind vielmehr ein Katalysator der kulturellen Integration. Die Studie äußert Vorschläge für eine differenzierte medienpolitische Strategie, die den Bedürfnissen der Nutzergruppen gerecht würden und insofern auch erfolgversprechend wäre.
Publikationen:
Kai Hafez, Türkische Mediennutzung in Deutschland: hemmnis oder Chance der gesellschaftlichen Integration? Eine qualitative Studie im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregegierung, Hamburg/Berlin: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 2002
Kai Hafez, Zwischen Parallelgesellschaft, strategischer Ethnisierung und Transkultur. Die türkische Medienkultur in Deutschland, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 25 (2000) 6, S. 728-736
Kai Hafez (Gastherausgeber), Media and Migration: Ethnicity and Transculturality in the Media Age, Schwerpunktheft der Zeitschrift Nord-Süd aktuell 15 (2001) 4